An ihrem Penis sollt ihr sie erkennen!

veröffentlicht am von Protestant | 3 Kommentare

2012 geriet die Beschneidung kleiner Kinder aus religiösen Motiven ins Zentrum öffentlichen Interesses in Deutschland, da ein Kölner Landgericht diese seit jeher gängige Praxis mit dem Straftatbestand der Körperverletzung versah. Das eilig verabschiedete Beschneidungsgesetz schaffte Rechtssicherheit dass die Beschneidung, fachlich Zirkumzision genannt, auch ohne medizinische Indikation weiterhin rechtmäßig bleibt. Ist damit die Diskussion vorbei?


Wer heute aus der Katholischen Kirche austritt, bekommt einen sarkastischen Hinweis von der jeweils zuständigen Gemeinde:

Keine Angst, auch durch ihren Kirchenaustritt bleiben Sie natürlich Katholik. Das kann ihnen keiner nehmen!

Wie dankbar darf man sein? Natürlich ist der Kirchenaustritt keine Exkommunikation. Über den Tellerrand geschaut gibt es noch ganz andere Möglichkeiten unmündigen Kindern ein Leben lang die Zugehörigkeit mit auf den Weg zu geben: Die Beschneidung! Sie ist irreversibel und genau das soll sie in den Augen derer, die es als das größte Geschenk überhaupt empfinden ihr Kind mit Gott zu vereinen, vermutlich auch sein. Wer möchte schon schlechtes für sein Kind? Insofern war die Kritik am Urteil des Landgerichts von Seiten der Gläubigen nur allzu verständlich – doch bleibt es in der weiteren Diskussion wenig sachlich.

Der derzeitige Ist-Zustand ist, dass wir in Deutschland die Beschneidung, also den irreversiblen Eingriff im intimsten Bereich des Kindes, gesetzlich schützen, während wir das Kupieren von Hundeschwänzen und Ohren gesetzlich unter Strafe stellen… Wir müssen reden!

Inhalt:

  1. Wessen Geistes Kind fummelt frömmelnd in Kinderhosen rum
  2. Beschneidung im Islam
  3. Das Kölner Beschneidungsurteil
  4. Die Relativität der Beschneidung im Judentum
  5. Beschneidung und Menschenwürde
  6. Das Beschneidungsurteil stärkt die Religionsfreiheit
  7. Tradition trifft Moderne
  8. Menschenrecht gegen Menschenrecht
  9. Warum das Argument der Tradition nichtig ist
  10. Das Alleinstellungsmerkmal des Urteils war problematisch
  11. Nebenkriegsschauplätze
  12. Die Rolle der Christlichen Kirchen in der Beschneidungsdebatte
  13. Religionsfreiheit als Grundrecht des Einzelnen
  14. Das Recht auf Unversehrtheit der Religion – Das Beschneidungsgesetz
  15. Beschneidungsdebatte auf EU-Ebene
  16. Fazit – Beschneidung bleibt Körperverletzung
  17. Weblinks

Wessen Geistes Kind fummelt frömmelnd in Kinderhosen rum?

Die Debatte um die Beschneidung aus religiösen Gründen geriet schnell zu einem heißen diplomatischen Politikum. Der Vorwurf des «Antisemitismus» war genauso schnell formuliert wie der Hinweis von Muslimen, dass «ein unbeschnittenes Kind in Schande leben würde» und Deutschland sich «feindselig gegenüber anderen Kulturen» zeige. Warum ist diese Peniszentrierung in Teilen der monotheistischen Religionen denn überhaupt so wichtig?

Eine Antwort dazu findet man im Alten Testament:

Ihr sollt aber die Vorhaut an eurem Fleisch beschneiden. Das soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Ein jegliches Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. Beschnitten werden soll alles Gesinde, das dir daheim geboren oder erkauft ist. Und also soll mein Bund an eurem Fleisch sein zum ewigen Bund.Genesis 17, 11-13

Die Beschneidung ist im Judentum 8. Tag nach der Geburt eines Neugeborenen Mannes und gekauften Sklaven vorgeschrieben, und, so wie es die Rabbiner landauf, landab auch und gerade bei der Beschneidungsdebatte erklären (mal abgesehen von den Sklaven), eine grundsätzliche Wesenseigenschaft des Judentums. Ohne Beschneidung kein Jude, so der Tenor. Dementsprechend wäre die Beschneidung, würde sie vom weltlichen deutschen Gericht im Tatbestand der Körperverletzung unter Strafe gestellt, die «Verhinderung von Judentum in Deutschland» bedeuten. Kein Argument, dessen man sich aufgrund der jüngeren deutschen Geschichte verschließen sollte.
Das Alte Testament unterstreicht den Anspruch des Judentums zur Beschneidung noch mal eindeutig:

Und wo ein Mannsbild nicht wird beschnitten an der Vorhaut seines Fleisches, des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, darum daß es meinen Bund unterlassen hat. Genesis 17, 14

Wenn man das Alte Testament tatsächlich für Gottes Wort hält, muss man schlussfolgernd auch dieses Gebot ernst nehmen, oder?

Beschneidung im Islam

Der Islam kennt keine Beschneidung durch ein Heiliges Buch, den Koran, als von Gott gefordertes Gebot. Im Islam handelt es sich bei der Beschneidung um einen reinen Tradtitionsgedanken als Teil der Sunna, der gebräuchlichen Sitte für Moslems. Es ist also viel mehr sozialer Kultur als theologischer. Im Islam findet die Beschneidung auch nicht am 8. Tag nach der Geburt statt, sondern im Kindesalter zwischen sieben und zehn. Eine Beschneidung des Kindes in einem Alter, in dem es üblicherweise als religionsmündig gilt, wäre also problemlos möglich.

Das Kölner Beschneidungsurteil

Am 7. Mai 2012 urteilte das Landgericht Köln, dass die medizinisch nicht indizierte Beschneidung von Jungen eine strafbare Körperverletzung sei. Wesentlich in der Urteilsbegründung ist hierbei die folgende Passage; im Wortlaut:

Gemäß § 1627 Satz 1 BGB sind vom Sorgerecht nur Erziehungsmaßnahmen gedeckt, die dem Wohl des Kindes dienen. Nach wohl herrschender Auffassung in der Literatur [..] entspricht die Beschneidung des nicht einwilligungsfähigen Knaben weder unter dem Blickwinkel der Vermeidung einer Ausgrenzung innerhalb des jeweiligen religiös gesellschaftlichen Umfeldes noch unter dem des elterlichen Erziehungsrechts dem Wohl des Kindes. Die Grundrechte der Eltern aus Artikel 4 Abs. 1, 6 Abs. 2 GG werden ihrerseits durch das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gemäß Artikel 2 Abs.1 und 2 Satz 1 GG begrenzt.
Landgericht Köln, 151 Ns 169/11

Das Landgericht stellte die Unversehrtheit des Kindes, nicht weniger als ein Menschenrecht, höher als die vom Sorgerecht gedeckten Erziehungsmaßnahmen. Dies ist z.B. auch regelmäßig der Fall, wenn Eltern ihre Kinder körperlich züchtigen. Wenn ein jüdisches Elternpaar nach bestem Wissen und Gewissen an ihrem neugeborenen Sohn eine Beschneidung vornehmen lässt, so ist dies nach dem Kölner Urteil eine Körperverletzung weil es gegen das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verstößt.

Die Relativität der Beschneidung im Judentum

Dieter Graumann in Funktion als Vorsitzender des Zentralrats der Juden kommentierte die Auswirkungen des Urteils folgendermaßen:

Dieses Urteil zu Ende gedacht würde doch bedeuten dass jüdisches Leben in Deutschland faktisch unmöglich gemacht wird. Dieter Graumann

Schlimm genug aus heutiger Sicht, dass man sich über Körpververletzung definiert. Doch ist das wirklich immer der Fall und nötig? Entgegen der öffentlich publizierten Meinung wie die des Zentralrats der Juden, scheint sich die Frage ob Jude oder nicht, nicht so einfach an dem Ritual der Beschneidung zu entscheiden. So entgegnet Michael Wolffsohn in einem Artikel auf Welt Online, die Halacha, das Religionsgesetz der Juden, besagt, dass männliche Juden geboren, und nicht durch die Beschneidung zu Juden gemacht werden. Jeder unbeschnittene Mann, der von einer jüdischen Mütter geboren wurde, sei Jude.

Der jüdische Wissenschaftshistoriker Dr. Jérôme Segal befand über die Beweggründe zu der Tatsache, dass er seine Kinder nicht beschneiden lässt:

Warum könnten die Religionen nicht auch Menschenrechte respektieren, und auch Kinderrechte? Man darf Kindern keine Gewalt antun. Eine Beschneidung ist ein physischer Eingriff und ich bin für die physische Unversehrtheit. Ich bin auch dafür dass meine Kinder eine andere Religion haben dürfen. Vielleicht wollen sie nicht, oder nicht in diesem Sinne Jude werden. Das ist aus Respekt. Dr. Jérôme Segal

Dieses Argument ist letztendlich auch das des Urteils des Kölner Landgerichts. Die Kinder sollen und müssen selbst entscheiden dürfen! Theodor Herzl als Begründer des modernen politischen Zionismus und Wegbereiter Israels ist wohl das prominenteste jüdische Beispiel für einen Vater, der sich der Beschneidung seines männlichen Nachfahrens verwehrte.

Häufig, wie auch bei Segal, ist festzustellen, dass es gerade unbeschnittene Juden sind, die die Tradition der Beschneidung nicht auf ihre Söhne anwenden. Es steht die Frage im Raum, ob die Beschneidung lediglich kulturell weitergegeben wird, weil man sie selbst so erfahren hat. Aus religösen- oder von der Vernunft geleiteten Gründen findet eine Beschneidung wohl wesentlich seltener statt, wenn keine medizinische Indikation gegeben ist.

Auch das Jewish Circumcision Resource Center gibt deutliche Hinweise darauf, dass  es offensichtlich im Judentum eine weitaus differenziertere Behandlung des Themas gibt, als es „offiziell“ medial dargestellt wurde. Ohne Beschneidung kein Jude zumindest ist wohl einseitig. Der Vorwurf, das Gerichtsurteil behindere oder verdränge gar das Judentum aus Deutschland unter Berücksichtigung dieser Punkte fraglich.

Beschneidung und Menschenwürde

Ungeachtet jeder Tradition, deren Auslegung und religiösen Befindlichkeit, muss man sich über die Praxis in der heutigen Zeit, in der vor allem auch in Deutschland der Schutz des Kindes in den Vordergrund gestellt wird, schon die Frage gefallen lassen, wie man diese Tradition der unbetäubten Beschneidung der noch an der Eichel verklebten Vorhaut am unmündigen Kind aufrecht erhalten kann? Denn gleichzeitig (und völlig zurecht!) ist die Erziehung mit der Rute, für die es durchaus auch religiöse Befindlichkeiten gibt, in Deutschland strafbar. Wer auf die einfache Tatsache, die das Landgericht Köln im Rahmen unserer Gesetze und Verfassung wortreich erklärend als Körperverletzung und somit als Straftat festgestellt hat, derart eruptiv mit schwerem Geschütz wie «Antisemitismus» und der  «besonderen deutschen Verantwortung» auffährt, verlässt die Sachlichkeit und muss sich Fragen gefallen lassen. Fragen, wie es zu erklären ist dass eine Tradition einer Männerideologie wert auf die Verstümmelung von Geschlechtsteilen von Kindern legt? Fragen, welche Gesellschaft es ist die Wert darauf legt dass Kinder beschnitten sind und mit Ausstoß aus der Gemeinde drohen wenn sie es nicht sind? Fragen, was für ein Gott eine solche Peniszentrierung als Bund mit ihm einfordert? Fragen über Fragen. Es gibt im Grunde nur eine Antwort: Tradition. Doch sind wir hier nicht bei Anatevka. Oder sind wir es gerade?

Das Beschneidungsurteil stärkt die Religionsfreiheit

Anders als häufig kolportiert geht es bei dem Beschneidungsurteil nicht um die Abschaffung der Religionsfreiheit. Der Fokus liegt beim Kindeswohl, welches sich nicht gegen die Beschneidung wehren kann. Mit „Religionsfreiheit oder Kindeswohl?“ wurde die öffentliche Diskussion in eine einfache, aber zu kurze Frage gegossen. Das Urteil stand insofern unter massiver Kritik religiöser Vertreter und politischer Diplomatie, als dass es die freie Ausübung der Religion behindere. Das trifft möglicherweise zu, zieht man die freie Religionsausübung der Eltern zur Urteilsfindung heran. Doch darf sie niemals grenzenlos sein, denn wie die Geschichte zeigt treibt das religiöse Befinden mitunter seltsame Blüten. Bemisst man die Sachlage jedoch an den Kindern, und um nichts anderes ging es in dem Urteil, so ist dass Urteil sogar eine Stärkung der Religionsfreiheit, weil das Kind neben dem körperverletzenden und mitunter nach einigen Ärzten auch möglichem traumatischen Eingriff (Schmerzgedächtnis) selbst eben nicht mehr in Zeiten eigener Unmündigkeit in die Religion verschenkt wird, sondern sich später aus freier Entscheidung heraus für seine Religion entscheiden kann.

Das Urteil bekräftigt also zum einen die körperliche Unversehrtheit als auch die Religionsfreiheit des Kindes. Die Religion ist letztendlich eine Ideologie derer es viele verschiedene gibt, das Kind jedoch ist in Würde einmalig und unantastbar. Einzig die Religion darf diesen wertvollsten Grundsatz der Menschheitsgeschichte im wahrsten und schmerzlichen Wortsinn weiterhin beschneiden.

Tradition trifft Moderne

Es wird, wie z.B. von Charlotte Knobloch, darauf verwiesen, dass die Beschneidung eine jahrtausende alte Tradition sei. Das ist zwar ein gängiges Argument, doch gerade weil etwas jahrtausende alte Tradition ist, sollte man den Blick darauf genauer richten. Tradition ist kein Wert an sich, aber sie ist geeignet die Objektivität auf die Sache zu verwischen. Dies war und ist auch in der Beschneidungsdebatte allgegenwärtig. Nur so wird die Körperverletzung zum notwendigen religiösen Ritual. Käme eine neue Religion dieser Zeit auf die Idee aus Gründen der Religiosität das linke Ohrläppchen bei kleinen Mädchen entfernen zu wollen – wie wäre die Reaktion darauf? Völlig bescheuerte, verrückte Idioten! Körperverletzung! So begegnen wir heute abwertend (und völlig richtig) Scientology. Doch sind die großen monotheistischen Religionen, wie sich an der Beschneidungsdebatte zeigt, nicht minder verrückt, und gerade weil etwas Tradition ist muss es hinterfragbar sein! Und wohl aufgemerkt: In der Beschneidungsdebatte geht es nicht um ein Ohrläppchen, sondern es wird irreversibel tief im intimsten Bereich des Jungen gefuhrwerkt.

Menschenrecht gegen Menschenrecht

Ohne das Menschenrecht der Religionsfreiheit ergibt sich die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Beschneidung aus religösen Gründen wohl möglich gar nicht. Unter Berücksichtigung der Religionsfreiheit ist es aber auch an den Eltern selbst, aus Respekt vor der Selbstbestimmung des eigenen Kindes ihm das hohe Menschenrecht der Religionsfreiheit zu lassen und die irreversible Beschneidung zumindest zu vertagen. In der Praxis steht heute die Ausübung der Religion der Eltern vor dem Recht des Kindes. Aufklärung über alte Mythen ist wohl möglich zielführender als das Verbot. Allerdings, selbst wenn man dem Kind die Freie Wahl lassen möchte, ist dies heute schon durch große soziale Zwänge schwierig – ein weiterer Baustein der Religion. So ist es natürlich ideologische Methode der Religionen ihre Schafe möglichst früh zu binden, und so schreibt das Judentum die Beschneidung am 8. Tag vor. Selbst im säkularen Deutschland gibt es regional- und generationsspezifisch noch immer kritische und argwöhnische Stimmen wenn man sein Kind nicht zeitnah taufen lässt – und das, obwohl nach Benedikt XVI. 2007 die Vorhölle (limbus puerorum), eben jenes Instrument des Christentums eine zeitnahe Taufe zu forcieren, abgeschafft wurde.

Warum das Argument der Tradition nichtig ist

Wenn Tradition die einzig verbliebene Begründung bleibt etwas zu tun, sollte man es lieber lassen! Denn es gibt unzählige alte Traditionen denen wir uns als Zivilisation in einem langen Kampf (jeweils meist gegen die Religion) entledigt haben. Wenn das Argument dass die Beschneidung zu erhalten sei weil eine Tradition ernst genommen würde, müsse man auch eingestehen dass die Folter eine alte Tradition im Rechtswesen ist und deshalb aufrecht zu erhalten sein müsse. Als Gesellschaft muss man in der Lage sein alte Zöpfe abzuschneiden!

Tradition ist niemals ein guter Grund irgendwas zu tun oder zu lassen. Tradition beantwortet niemals die Frage nach richtigem Verhalten. Häufig genug betäubt sie nur die kritische und/oder rationale Hinterfragung alter Denkmuster und Handlungsweisen.

Das Alleinstellungsmerkmal des Urteils war problematisch

Gäbe es bereits einen breiten, Nationen übergreifenden gesellschaftlichen Konsens darüber dass Beschneidung Körperverletzung ist, hätte man wohl möglich politisch anders oder kontroverser diskutieren können. Bedingt dadurch, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt der einzige demokratische, freie Staat gewesen wäre, der unter Berufung des Grundrechts auf Unversehrtheit des eigenen Körpers die Beschneidung als Straftat einordnet, ließ das Ergebnis umso schneller umso deutlicher für die Tradition ausfallen.

Genährt wurde dies von jüdischer Seite immer wieder damit, dass angemahnt wurde dass in der jüdischen Geschichte erst dreimal die Beschneidung verboten worden sei, und dies waren alles drei diktatorische Regime. Das ist formal korrekt und stellt die Entscheidung des Landgerichts Köln natürlich in ein denkbar schlechtes Licht, doch ändert dies nichts an den Grundlagen die das Landgericht zur Urteilsbegründung heran zog – und diese sind bei Weitem nicht mit denen tatsächlich religionsfreindlicher Ersatzideologien vergleichbar. Diese Vergleiche dienen lediglich der Diskreditierung.

Außerdem zogen jüdische Verbände sofort die Karte der «besonderen deutschen Verantwortung» aufgrund ihrer unheilvollen Geschichte im 20. Jahrhundert, und aus der Politik wurde diese Karte überdies auch noch gerne aufgenommen und weiter gesponnen. Den Holocaust und eine besondere deutsche Verantwortung ins Spiel zu bringen ist aber genauso unredlich und für die Diskussion. Das sind völlig voneinander trennbare Sachlagen. Sollte das Landgericht etwa aufgrund der besonderen deutschen Verantwortung die Gesetze des Landes ignorieren, auf denen nun mal das Urteil basiert?

Nebenkriegsschauplätze

Völlig die Struktur verliert die Diskussion ebenfalls regelmäßig, wenn es um den praktischen Nutzen der Beschneidung geht. Auch hier völlig außer Acht gelassen, dass es weiterhin eine Körperverletzung bleibt, argumentiert man, dass es aufgrund besserer Hygiene angezeigt sei das Kind beschneiden zu lassen. Nun haben wir in westlichen Zivilisationen aber bereits seit langem ausreichend hygienische Standards, die eine Beschneidung eben nicht anzeigen.

Zudem verliert man sich häufig im Gegenüberstellen von Studien und lässt dabei jede Kausalität und/oder Korrelation vermissen. Gerade so, wie es der Argumentation dienlich scheint. So wird als Beweisführung geäußert dass seit dem 19. Jahrhundert große Teile der Männer Amerikas beschnitten sind, und dies nicht aus religiösen-, sondern angeblichen hygienischen Gründen. Unterschlagen wird, dass dies sehr wohl durch die Hintertür religiöse Gründe hatte, weil damit eine Eindämmung der schweren Sünde der Masturbation Einhalt geboten werden sollte. Selbst medizinische Lehrbücher empfahlen die Beschneidung bereits bei Kleinkindern als «Vorbeugung vor Masturbation» noch bis in die 70er Jahre hinein. Diese Entwicklung, nicht nur in Amerika, geht zurück auf die Schrift «Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung» von John Marten, welche Masturbation mit zahlreichen Krankheiten in Verbindung brachte. Bei dem Hygieneargument handelt es sich also viel mehr um einen altes moralisches Hygieneagurment als die tatsächliche Vermeidung von Krankheiten.

Begibt man sich zur Rechtfertigung der Beschneidung kleiner Kinder auf eine derartige Argumentationslinie, sollte man sich über Gefühle verletzende Religionskritik nicht arg wundern.

Die Rolle der christlichen Kirchen in der Beschneidungsdebatte

Befremdlich und mit großer Sorge haben die christlichen Kirchen auf das Beschneidungsurteil reagiert. In einer zunehmend informierten und gebildeten Gesellschaft, in der der mystische Glaube mehr und mehr an Boden verliert, erlebt man vielfältig den Schulterschluss der drei großen Religionen. Der Clash der Zivilisationen, so scheint es, ist nicht die Auseinandersetzung unterschiedlicher religiöser Tendenzen, sondern der Konflikt der Religion mit der Zeit; der Konflikt der Religion mit der Evolution. Denn während die kulturelle Evolution voranschreitet und es heute sogar wagt die religiös begründete Beschneidung unter Strafe zu stellen, verhält sich die Religion mit ihrem Konzept der festen Dogmen und jahrtausendealter Traditionen naturgemäß träge.

Es ist nicht weiter tragisch dass diese Spannungen existieren, wenn die Religionen als Dämpfungsfaktor wirken. Sehr wohl ist aber tragisch dass beim Ringen um Gerechtigkeit und ethisches Handeln entgegen religiöser Befindlichkeiten häufig genug tumb die religiöse Befindlichkeit obsiegt, häufig genug orientiert durch Meinungsumfragen, Stimmungsbildern und bevorstehenden Wahlen. So ist es auch bei der Beschneidungsdebatte geschehen. Dass man überhaupt Zweifel anmelden kann ohne medizinische Indikation einen irreversiblen Eingriff an Kindern vorzunehmen ist schon merkwürdig genug.

Religionsfreiheit als Grundrecht des Einzelnen

Die Religionsfreiheit ist wichtig und zu schützen. Allerdings kann sie als Freibrief missbrauchbar sein. Denn Glauben kann man alles, und Handlungen damit rituell begründen ebenso. Diesen Misstand hat unter anderem Niko Alm als Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters insofern entlarvt, als dass es rechtlich nicht zu beantstanten ist, ein Nudelsieb auf dem Kopf auf dem Führerscheinfoto zu tragen, weil es für ihn ein «religiöses Bekenntnis» darstellt. Rein rechtlich öffnet die Religion Tür und Tor. Ob es um die Beschneidung unschuldiger Kinder geht, oder dem Wunsch ein Nudelsieb auf dem Kopf zu tragen.

Das Problematische ist, dass es sich bei der Religionsfreiheit, schon durch die Konfiguration der Religionen selbst, um ein trojanisches Pferd handeln kann. Der große Wert der Menschenrechte liegt darin, dass hier erstmals, nicht wie in den 10 Geboten, ein großer Ge- und Verbotskatalog aufgebaut wird, sondern dem Einzelnen individueller Freiraum zur Selbstentfaltung gegeben wird. Bezogen auf die Religionen und konkret an der Beschneidungsdebatte zeigt sich allerdings, dass dieses individuelle Recht der freien Religionsausübung sich nicht mehr auf den Einzelnen bezieht, sondern der Einzelne (Eltern) hier das Recht des anderen (Kind) einschränkt – irreversibel.

Wo ist die Grenze zu ziehen? Die körperliche Züchtigung – auch aus religiösen Gründen – ist strafbar. Auch die Schulpflicht gilt für Kinder religiös derart praktizierender Menschen, die ihre Kinder vor dem Wissen der Menschheit „schützen“ wollen. Die Beschneidung bleibt erlaubt. Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Was, wenn die körperliche Züchtigung gleichen Stellenwert in einer Religion inne hätte oder bekäme, wie die Beschneidung? Wie ist das mit der im Grundgesetz verankerten «ungestörten Religionsausübung» zu vereinbaren? Die Gesetzgebung 2012 orientierte sich eindeutig an religöser Befindlichkeit – und nichts kann individueller sein. Das ist nichts worauf man stolz sein sollte.

Das Recht auf Unversehrtheit der Religion – Das Beschneidungsgesetz

Schneller als der Mohel das Kind beschneiden konnte wurde Rechtssicherheit geschaffen mit einer überdeutlichen Mehrheit im Bundestag. Das Beschneidungsgesetz duldet nun in Deutschland weiter die Beschneidung von Kleinkindern aus religiösen Befindlichkeiten heraus. Doch hat nicht das Recht auf Religionsfreiheit gesiegt, viel mehr haben zwei Religionen vor dem Recht des Kindes auf Unversehrtheit und vor dem Recht auf Religionsfreiheit gesiegt. Dass ist das eigentlich deprimierende, und umso logischer waren es keine Humanisten, Rechtswissenschaftler oder Menschenrechtler die dem neuen Paragraphen im Bürgerlichen Gesetzbuch zugestimmt haben – die Religionsgemeinschaften applaudierten.

Das Beschneidungsgesetz im Wortlaut:

(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.

(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind. §1631d BGB

Nun hat Papst Benedikt XVI. in seiner Rede im Bundestag höchst selbst angemerkt dass Mehrheiten kein Kriterium für Wahrheit sein können; Descartes lässt grüßen. Denn natürlich bleibt die Beschneidung kleiner Kinder Körperverletzung. Die beiden neu hinzugefügten Absätze legitimieren letztendlich nur die Körperverletzung als gängige Praxis im Judentum und Islam. Wie ist es möglich dass wir, wenn es religiöse Motive sind, die Verstümmelung gesetzlich straffrei stellen? Man kann dem Phänomen mit dem Milgram-Experiment begegnen. Dass es sich bei den Religionen um ein Autoritätsangebot handelt sollte unstrittig. Dass man dafür Menschenrechte im Wortsinn beschneidet, bleibt beschämend.

Eine explizit religiös zu begründende Beschneidung ist dem Gesetz überdies nicht zu entnehmen. Viel mehr ist es ein Freifahrtschein für Eltern ihre Kinder nach Gutdünken beschneiden zu lassen. 2014, unfassbar! Die Frage, dass zeigt die Beschneidungsdebatte erneut eindringlich, ist nicht, wie man die Religion schützen muss, sondern was man sich als Gesellschaft von der Religion bieten lassen muss.

Beschneidungsdebatte auf EU-Ebene

Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hatte, ein Jahr nach der Beschneidungsdebatte in Deutschland, in einer Resolution die Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen als «besorgniserregend» bezeichnet. Wie Humanist News berichtet, wirbt Israel mit einem Imagefilm nun für das Recht auf Beschneidung, nachdem es allerlei Empörung über die Resolution des Europarats gab. Ähnlich wie die Befürworter des Kölner Urteils sich um eine Verschiebung der Beschneidung auf einen Zeitraum in dem das Kind religionsmündig ist, äußerten, befand auch der Europarat Kindern die Entscheidung der Beschneidung selbst überlassen zu müssen. Die Diskussion ist also auch mit der neuen Gesetzeslage in Deutschland nicht vobei sondern verschiebt sich derzeit in einen größeren Rahmen. Dass die Beschneidung Körperverletzung und wider der Menschenwürde und Religionsfreiheit des Kindes ist, ist nicht gesetzlich zu relativieren.

Fazit – Beschneidung bleibt Körperverletzung

Die Taufe eines unschuldigen Kindes als Katholik mag folgenlos erscheinen, so das Individuum es folgenlos werden lässt. Enttaufungen sind hier höchstens Gegenfolklore. Eine Beschneidung bleibt folgenschwer – ein Leben lang!

Eine historische Chance ist vertan. Die Debatte um die Beschneidung kleiner Kinder aus religiösen Motiven jedoch wird weiter gehen, denn sie wurde nicht beendet, sondern durch eine schnelle Gesetzgebung abgewürgt. Einer repräsentativen Umfrage zufolge antworten 70% auf die Frage «Halten Sie es für richtig, dass Beschneidungen von Jungen aus nicht medizinischen Gründen vom Gesetzgeber erlaubt werden?» mit nein. Schon deshalb wird die Debatte wieder auf die Tagesordnung der Politik kommen, weil der Tatsache der Körperverletzung ausschließlich religiöse oder soziale Befindlichkeiten gegenüberstehen. Der Diplomarbeit von Michael Degele entnehmend, handelt es sich bei einer religiös motivierten Beschneidung gar grundsätzlich gemäß § 87 Abs. 1 StGB um eine schwere Körperverletzung.

Entscheidend für den Ausgang der Debatte wird sein, ob man sich weiter an der Unversehrtheit der Religion orientiert und dies mit dem Artikel 4 GG begründet, oder an der Unversehrtheit des Kindes. Bislang hat man sich für die Unversehrtheit der Religion bzw. der Religionsausübung der Eltern an den Kindern entschieden.

Bleibt vorerst, Michael Schmidt-Salomon zu zitieren:

Der kategorische Imperativ unserer Tage lautet, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen! Michael Schmidt-Salomon, Keine Macht den Doofen

Weblinks

  1. Beschneidung von Jungen
  2. Zwangsbeschneidung
  3. Beschneidungsdebatte

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3 Kommentare für An ihrem Penis sollt ihr sie erkennen!


  • Mathias K. sagt:
    10. März 2014 um 22:25 | » Antworten

    Ungeheuerlich was hier in Deutschland im 21. Jahrhundert möglich ist! Barbarische Sitten gesetzlich geschützt! Ich denke auch dass die Diskussion nicht vorbei ist. Bravo für diesen Artikel und die Bloßstellung der unsäglichen Argumentation der Befürworter!
    Was ihm allerdings fehlt ist ein Bezug auf das auch immer wieder kehrende Argument es wäre ja nur ein kleiner Eingriff und es ginge nur um ein Stückchen Haut.

  • Danke!
    Ich habe das tatsächlich erwogen mit dem „Stückchen Haut“ (weil mir das in einer Talkshow [Will?] übel aufstieß), aber der Artikel wurde auch so schon länger und länger. Letztendlich füllt die Debatte ja ganze Bücher. Was ich, dann allerdings wohl in einem weiteren Artikel, noch anpacken möchte, ist die Religionsfreiheit als Trojanisches Pferd der Menschenrechte um andere Menschenrechte zu relativieren. Dies ist für mich eigentlich der wirklich wesentliche Punkt, denn in der Beschneidungsdebatte geht es ja um die Religionsfreiheit auf andere hin, nicht für einen selbst. Dass sich Menschen hinstellen und für andere entscheiden was an ihrem Körper „nur ein Stückchen Haut ist“ und was nicht ist da für mich fast nur beiläufig irritierend. Gleichwohl dennoch befremdlich, was ich mit dem Ohrläppchen-Vergleich versucht habe darzulegen.

  • Das Argument um das bisschen Haut richtet sich eigentlich gegen die Befürworter selbst. Wenn es nur ein bisschen Haut ist muss man da auch nicht so ein Tanz darum veranstalten und kann es dem Jungen auch einfach lassen! Da ist der Kern des Problems wo jede Sachlichkeit und Vernunft verliert. Weil es ein Glaubensdogma ist kann darüber nicht verhandelt werden und es bringt auch nichts zu argumentieren.
    Aber es wird häufig und leider auch in diesem Artikel vergessen oder zu wenig betont dass es gar nicht um die Beschneidung an sich geht, als viel mehr um die ZWANGSbeschneidung unmündiger Jungen.

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